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Die alte Dame

Müde geht eine alte Frau durch den Stadtpark. Ihr Weg führt sie an einem Spielplatz vorüber. Dort sind viele Kinder, die meisten laufen barfuß. Vergnügt tummeln sie sich auf einem Sandhaufen. Ein Parkwächter steht in der Nähe und passt auf.
Die alte Frau schaut den Kindern zu. Plötzlich bückt sie sich, hebt etwas auf und legt es in ihre Einkaufstasche. Gleich ist der Wächter bei ihr und fragt: „Was haben sie in Ihrer Tasche versteckt?“
Der Wächter denkt: Vielleicht hat sie eine Geldbörse gefunden und will ihn nicht abgeben? – Er droht: „Ich muss sie mitnehmen, wenn sie nicht sofort sagen, was sie in der Tasche haben.“ Da greift die Frau erstaunt in ihre Tasche und zeigt dem Wächter eine Glasscherbe. Erstaunt fragt der Mann: „Was wollen sie damit anfangen?“ „Ich dachte nur, ich will sie weg nehmen, damit die Kinder mit ihren bloßen Füßen nicht hinein treten“, sagte die alte Frau. (Leo Thurgau)

Liebe Leserinnen, lieber Leser -
als ich diesen Text las, fühlte ich mich nach Paris versetzt. Eine Großstadt, in der die Straßen von Häuserfronten begrenzt sind. Doch zwischen diesen Häuserfronten, in fast jedem Quartier (Stadtviertel) gibt es grüne Inseln, mehr oder weniger große Parks, die eingezäunt tags offen, abends und nachts jedoch verschlossen sind. In Frankreich arbeiten meist beide Elternteile, die Kinder werden von eine Nanni, einer Kinderfrau beaufsichtigt. Und so sind diese Parks auch tagsüber viel von Kindern besucht. Für jeden dieser Parks ist ein Wächter verantwortlich.
Und so stelle ich mir vor, wie diese alte Dame vom Einkauf kommt und auf dem Weg nachhause eine Pause braucht. Auf dem Spielplatz ist ein reges lustiges Treiben, es macht Freude und weckt Erinnerungen, wenn man so den Kindern in ihrer Unbeschwertheit zuschaut. Schauen Sie auch manchmal Kindern beim Spielen zu? – diese Ausgelassenheit, Albernheit, Konzentriertheit und Spannung zugleich!

Bei meinen vielen Kranken- und Hausbesuchen erfahre ich von vielen alten Menschen, welche Mühe sie beim Besorgen von alltäglichen Wegen haben. Menschen die im obersten Stock eines Neubaublockes wohnen, kostet es die Kraft eines Tages, bis zum Briefkasten hinab und in die Wohnung hinauf zu steigen. Ich kann mir gut vorstellen, wie beschwerlich der Gang zum Einkauf ist! Doch die Dame dieser Geschichte schafft es noch selbst. Und die Pause in diesem Park ist ihr sehr willkommen. Aufmerksam beobachtet sie das Spiel. Ihr fällt auf, dass die Kinder barfuß sind. Und sie nimmt Anteil, steigt gedanklich in das Spiel mit ein, und da sieht sie die Glasscherbe.
Sie hätte wegschauen können – es sind ja nicht ihre Kinder!
Sie hätte den Wächter ansprechen können – er ist doch dafür verantwortlich!
Sie hätte die Kinder mahnen können – viel bequemer, als sich selbst zu bücken!
Sie hätte weiter gehen können – es ging sie ja im Grunde nichts an!

Diese alte Dame handelt selbst und ist ganz verwundert, dass der Wächter sie anspricht und nicht versteht, dass sie die Scherbe aufheben musste, damit sich die zarten kleinen Kinderfüße nicht schneiden, denn:
diese Kinder sind die Zukunft, für die jeder verantwortlich ist.
Diese Dame weiß, wenn sie nachhause geht, dass sie wichtig war, dass es sie etwas anging, für diese Kinder da zu sein, auch wenn die Kinder davon wahrscheinlich gar nichts mitbekommen haben.

Ich möchte Ihnen liebe Leserinnen und Leser sagen, dass wir oft nicht bekommen, was „unsere“ alten Damen und Herren für uns tun.
Es ist das Gebet, mit dem sie wachend die Hände über uns halten.
Es ist ihr Warten, mit dem sie uns das Gefühl geben, anzukommen.
Es ist die Freude in ihren Augen, die uns beschenkt, wenn wir uns sehen.
Es ist ihre stille Sorge um uns, damit wir leben und spüren, wie gut es ist, dass da noch jemand ist!
Was würden wir ohne sie anfangen? Welche Lücke reißen sie, wenn sie von uns gehen! Beten auch wir, verschenken auch wir uns, um in dieser Gemeinschaft Gottes Liebe zu spüren, solange sie noch unter uns sind!

Jacqueline Fiswick (Gemeindereferentin)