Der Nagel
Der Nagel
Ein Kaufmann hatte auf der Messe gute Geschäfte gemacht, alle Waren verkauft und seine Geldkatze mit Gold und Silber gespickt. Er wollt heimreisen und vor Einbruch der Nacht zuhause sein. Er packte also den Mantelsack mit dem Geld auf sein Pferd und ritt fort.
Zu Mittag rastete er in einer Stadt. Als er weiter reisen wollte, führte ihm der Hausknecht das Ross vor und sprach: „ Herr, am linken Fuß fehlt am Hufeisen ein Nagel.“ „Lass ihn fehlen“, erwiderte der Kaufmann, „die sechs Stunden, die ich noch zu machen habe, wird das Eisen wohl noch festhalten. Ich habe Eile.“
Nachmittags, als er wieder abgestiegen war und dem Pferd Brot geben ließ, kam der Knecht und sagte: „Herr, eurem Pferd fehlt am linken Hinterfuß ein Hufeisen.“ „Lass es fehlen! Die paar Stunden, die noch übrig sind, wird das Pferd wohl aushalten. Ich habe Eile.“ Er ritt fort. Aber nicht lange, so fing das Pferd an zu hinken. Es hinkte nicht lange, so fing es an zu stolpern, und es stolperte nicht lange, so fiel es nieder und brach ein Bein.
Der Kaufmann muss das Pferd liegen lassen, den Mantelsack abschnallen, auf die Schulter nehmen und zu Fuß nachhause gehen, wo er erst spät in der Nacht anlangte. Brüder Grimm
Liebe Leserinnen und Leser,
als ich diese Geschichte der Gebrüder Grimm vor kurzem zum ersten Mal las, war ich tief berührt und empfand das Geschehen ungerecht, unverständlich, hatte Mitleid mit dem Pferd. Ich bekam einfach keinen Zugang!
Doch versuchen wir, diese Geschichte auf eine andere Ebene zu übertragen!
Wir können dabei die Rollen wechseln.
Versetzen wir uns in die Rolle des Kaufmannes. Wie oft hören wir Warnungen und gehen nicht darauf ein! „Ich bin in Eile.“ – ist doch vielen von uns ein geläufiger Satz. Da muss manches auf später verschoben werden. Selbst wenn unser eigener Körper uns warnen möchte, dann schieben wir die Behandlung, den Urlaub, den Schlaf, …. auf später, erst muss noch getan werden. Manchmal sind wir aber in der Rolle der Warnenden. Und manchmal in der des Pferdes. Dabei geht so manches drauf: die Gesundheit, eine Partnerschaft. Sie wissen sicher selbst, wie es ist. Und jeder war wohl auch schon in der Situation des Pferdes, das irgendwann einfach nicht mehr mithalten kann.
Ja, liebe Leserinnen und Leser, es ist eine Geschichte ohne Happy end.
Eine Geschichte aus unserem Alltag, von Eile und von gebrochenen Beinen.
Doch der Kaufmann kommt an. Ob er wohl beim nächsten Mal schlauer ist?
Ob wir beim nächsten Mal schlauer sind?
Die Frage ist wohl eher, wie können wir beim nächsten Mal schlauer sein?
Mir hilft mein Glaube, um hin und wieder schlauer zu sein, um nicht immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Orientierung finde ich in der Heiligen Schrift. Besonders gern lese ich das Buch Jesus Sirach aus dem Alten Testament. Da finde ich Rat für jede Lebenslage. Dieses Buch möchte ich Ihnen für diesen Monat ans Herz legen.
Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, bei diesem Propheten um Rat zu suchen. Seine Worte in sich einzupflanzen. Vielleicht können wir so gebrochene Beine vermeiden. Nehmen die Warnungen eher ernst.
Denn ich wünsche Ihnen ein Happy end! Ihre Jacqueline Fiswick





